• Schmetterlingspädagogik - Allgemeines
  • Valentin Helling
  • 30.11.2020
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Schmetterlingspädagogik - Schule ohne Unterricht

An der Alemannenschule Wutöschingen, die 2019 Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises wurde, soll zukünftig kaum noch regulärer Unterricht stattfinden, da dieser unserer Meinung nach als grundlegende Lern- und Schulstruktur ausgedient hat. An seiner Stelle soll die Schmetterlingspädagogik treten, deren Flügelseiten zum einen das "Selbstorganisierte Lernen" (SoL) und zum anderen das "Lernen durch Erleben" (LdE) sind.

Beim Selbstorganisierten Lernen soll der Prozess des Wissenserwerbs durch die Lernenden selbst (mit-) gesteuert werden. So sind zur selbstständigen Aufgabenauswahl und -bearbeitung Kompetenzen des selbstregulierten Lernens notwendig. Neben fächerspezifischen Arbeitstechniken und Lernstrategien, die zur Bearbeitung der Aufgaben als „Handwerkszeug“ grundlegend notwendig sind, müssen den Lernenden hervorragend konzipierte Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden. Es ist unsere Aufgabe den Kindern und Jugendlichen Zeit und Raum geben, damit sie Aufgaben finden können, an denen sie wachsen können.

Lernen durch Erleben knüpft an die Fähigkeit und das Bedürfnis der Menschen an, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für das eigene Verhalten vor allem aus den persönlichen Erfahrungen zu ziehen. Hier geht es im Besonderen darum, neue Lösungswege und Handlungsoptionen zu erkunden. Dabei ist es die Aufgabe der Schule, Situationen zu schaffen, in denen Lernen durch Erleben stattfinden kann.

Die Digitalisierung liefert hierzu ein entscheidendes Werkzeug, zeitgleich ermöglichen wir den Lernenden so aber auch ein Lernen in der Kultur der Digitalität (vgl. hierzu "Schulen in einer Kultur der Digitalität" von Dejan Mihajlovic).

Kategorien von Kompetenzen (Ziener 2006)

Mindeststandard (Fundamentum)

Regelstandard

Expertenstandard

„Mindeststandards formulieren damit die Absicht der Lehrkraft und des Systems Schule, allen Schülerinnen und Schülern wenigstens diesen Grad an Befähigung zu ermöglichen. Wer den Mindeststandard nicht erreicht, hat das jeweilige Bildungsziel nicht erreicht.“ (Ziener, S. 49)

„Regelstandards formulieren dasjenige Kompetenzniveau, das alters- und schulartspezifisch für realistisch, das heißt sachgerecht und zumutbar gehalten wird. Regelstandards formulieren ein mittleres Niveau von Kompetenzen, das von den Schülerinnen und Schülern sowohl unter-, als auch überschritten werden wird.“ (Ziener, S. 50)

„Experten- oder Maximalstandards formulieren ein theoretisch erreichbares Höchstniveau an Kompetenz.
Experten- oder Maximalstandards eignen sich für eine absolute Taxonomie von Schülerleistungen, aber nicht für den konkreten Unterricht.“
(Ziener, S. 51)

Grundzüge wiedergeben können
Gegenstandsbezogene Äußerung
Reproduktion (Vorlage wiederholen)
reaktiv zu handeln

Hintergründe benennen können
Adressatenbezogenes Reden
Rekonstruktion (Durchdringung)
aktiv zu handeln

Transfer leisten können Diskursive Reflexion
Transformation (Übertragung)
konstruktiv zu handeln

reaktiv

aktiv

konstruktiv

Grundzüge
wiedergeben können

Hintergründe
benennen können

Transfer
leisten

Reproduktion
(Vorlage wiederholen)

Rekonstruktion
(Durchdringung)

Transformation
(Übertragung)

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Selbstorganisiertes Lernen - SoL

Grundlage für das SoL sind Lernmaterialien, die für das Lernen in Selbstorganisation geeignet sind. Es gibt Merkmale und Werkzeuge, die diese Materialien im Allgemeinen auszeichnen:

  • Kompetenzraster: Grundlage des Rasters bilden ausdifferenzierte Kompetenzbeschreibungen (nach G. Ziener, siehe Seite 2). Sie erklären, welche Kompetenzen LernpartnerInnen im Laufe des Lernprozesses entwickeln und ausbauen werden.

  • Stempelkarten: Diese ermöglichen den LernpartnerInnen, den Lernprozess selbst zu steuern. Dort finden sich ausformulierte Teilziele, die mit den entsprechenden Lernmaterialien verknüpft sind.

  • Gelingensnachweise: Im Gegensatz zu Klassenarbeiten und zentralen Tests ermöglichen Gelingensnachweise, die Lernprozesse zum individuell gewählten Zeitpunkt abzuschließen, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden. In Gelingensnachweisen soll der Lernende das Gelingen idealerweise auf vielfältige Art und Weise zeigen können.

  • Klar strukturierter und ritualisierter Aufbau: Im Gegensatz zu bisher üblichen Materialien von Verlagen sollen SoL-Materialien in allen Fächern gleich aufgebaut sein, damit den Lernenden die Arbeit mit diesen Materialien vereinfacht wird. Wiederkehrende Elemente versetzen den Lernenden in die Lage, autonom arbeiten zu können.

  • Vielfältigkeit der Materialien: Die Materialien sollten grundsätzlich Erklärfilme enthalten. Darüber hinaus sollten Apps, Podcasts, Bilder, haptische Materialien, Diagramme und Darstellungen aller Art Berücksichtigung finden.

  • Vielfältigkeit der Methoden: Bei der Bearbeitung der Materialien sollten verschiedene Sozialformen möglich sein. Besonders die Bearbeitung in Teams (Peergroups) sollte gefordert werden.

Grundsätzliche Arten von Materialpaketen

Nach jahrelanger Erprobung der Materialpakete hat sich gezeigt, dass die Anforderungen an SoL-Materialien fachspezifische Unterschiede aufweisen können. Aus diesem Grund gibt es an der Alemannenschule Wutöschingen zwei Arten von SoL-Materialpaketen:

Basispakete

Mit Ausnahme der Sprachen sind die Materialien in allen Fächern immer in Basispaketen strukturiert. Hierbei deckt ein Basispaket einen Kompetenzbereich auf einer Niveaustufe ab - pro Kompetenzbereich gibt es also drei Basispakete (M, R und E).

Strukturgebendes Element der Basispakete ist die Stempelkarte, welche den Lernenden einen Überblick über die anzustrebenden Teilziele und die hierfür verfügbaren Materialien gibt.

Basispakete folgen danach immer der grundlegenden Struktur von Stempelkarte → Input → Übematerial (mit der Möglichkeit zur Selbstkontrolle) → Gelingensnachweis.

Packages: In den Sprachen, vor allem im Fach Englisch, haben sich themenorientierte Lernpakete durchgesetzt. In diesen Packages können unterschiedliche Kompetenzen wiederholt erworben und geübt werden.

SoL-Materialien im Expertenstandard?

Der Expertenstandard muss den Lernenden Gelegenheit geben, Transfer zu leisten und konstruktiv mit Themen und Problematiken umzugehen (vgl. G. Ziener, Seite 2). Vorgefertigte Materialien können diesen Anspruch oft nicht erfüllen. Dies hat für die Arbeit im Expertenstandard folgende Konsequenzen:

Forschen, Entdecken und Kreieren sollten für die Arbeit im Expertenstandard von zentraler Bedeutung sein.

Produktorientierung: Der Transfer kann im Besonderen bei der Produktion von Filmen, Lernmaterialien, Apps und vielem anderen geleistet werden.

21st Cenury Skills: Der Erwerb dieser Kompetenzen bietet sich bei der Arbeit im Expertenstandard im Besonderen an.

Impulse für das Lernen: Materialpakete für den E-Standard sollten oft keine vorgefertigten Materialien enthalten. Sie können nur Impulse bieten, um Leistungen in diesem Bereich zu „provozieren“.

21st Century Skills

Beispiele für Leistungen im Expertenstandard:

21st Century Skills
  • Kompetenter Umgang mit Medien, Technologien, Informationen und Daten
  • Virtuelle und persönliche Kommunikation und Kollaboration vor dem Hintergrund von Diversität (z.B. Interdisziplinarität, Interkulturalität, Alter)
  • Kreative Problemlösung, Innovationsfähigkeit, Analytisches und Kritisches Denken
  • Flexibilität, Ambiguitätstoleranz, Eigenmotivation, Selbständiges Arbeiten