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  • 31.03.2022
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Griechische Mythologie

Odysseus in der Höhle des Zyklopen

Nachdem die einst so ruhmreiche Stadt Troja gefallen war, eilten die Griechen nach Hause. Ein Sturm trieb die Schiffe des Odysseus, dem König von Ithaka, an die Küste der Kikonen, die Verbündete der Trojaner waren. Odysseus überfiel die Stadt Ismaros und plünderte sie. Danach drängte er darauf, ihre Reise fortzusetzen. Aber seine Gefährten hörten nicht auf ihn. Stattdessen feierten sie mit Wein und Ziegen einen Festschmaus am Ufer. Aus dem Landesinneren eilten derweil weitere Kikonen herbei und überraschten die Ahnungslosen. Die Griechen wehrten sich beherzt gegen die Übermacht und mussten schließlich weichen. Viele tapfere Gefährten starben an diesem Tag. Traurig setzten sie daher ihre Reise fort.          

Als sie die Pelopsinsel umsegeln wollten, warf ein schlimmer Sturm sie wieder auf die offene See zurück. Neun Tage trieben sie umher, bis sie an das Ufer der Lotophagen gelangten. Dort nahmen sie frisches Wasser auf. Odysseus sandte zwei Kundschafter zu dem friedlichen Volk, das sich von der Lotosfrucht ernährte. Sie wurden von den Lotophagen freundlich empfangen, die den Griechen ihre Früchte zu essen gaben. Der Verzehr dieser Frucht bewirkte jedoch, dass sie jeglichen Drang zur Heimkehr verloren. Nur mit Gewalt konnte Odysseus die Männer zum Schiff zurückbringen. Sofort setzte er die Segel, bevor noch andere von dieser Frucht essen und ebenfalls ihre Heimat vergessen würden.

Richtung Norden segelten die Schiffe des Odysseus und landeten an einer kleinen, dichtbewaldeten Insel. Menschen wohnten hier nicht, nur Ziegen durchstreiften in großen Scharen die Ebenen. Am Ufer erblickten sie eine Felsenhöhle, die von Sträuchern zugewachsen war. Odysseus wählte zwölf seiner Gefährten aus und betrat mit ihnen das Land. Die Weinschläuche des Priesters Maron, die er in Ismaros geschenkt bekommen hatte, nahm er mit.        Die Höhle war verlassen. Sie fanden dort drin Körbe voller Ziegenkäse und Schafe wie Lämmer in unterirdischen Pferchen. Hier wohnte der Riese Polyphem, Sohn des Poseidons, und wie alle Kyklopen besaß er nur ein Auge inmitten der Stirn. Er hatte so ungeheure Kraft, dass er einen Felsen wegwälzen und Granitblöcke durch die Luft schleudern konnte. Die Gefährten drängten Odysseus, vom Käse zu nehmen und die Schafe auf ihr Schiff zu treiben. Aber Odysseus war neugierig und wollte den Herrn dieser Höhle kennen lernen.

Und so fand Polyphem bei seiner Rückkehr die Fremdlinge in seiner Höhle vor. Mit einem riesigen Felsbrocken versperrte er den Zugang zur Höhle, so dass die Griechen nicht fliehen konnten. Mutig trat Odysseus vor und bat um Schutz. Polyphem verlachte ihn nur, packte zwei seiner Gefährten und fraß sie auf. Seelenruhig legte er sich danach zum Schlafen nieder. Odysseus überlegte, ob er sich auf ihn stürzen und ihm das Schwert ins Herz stoßen sollte. Doch er verwarf den Plan. Denn wer hätte den riesigen Felsbrocken vom Eingang der Höhle weggerollt? Angsterfüllt warteten sie auf den Morgen.

Wieder verschlang Polyphem zwei seiner Begleiter. Dann trieb er seine Ziegenherde hinaus und verschloss den Eingang sorgsam mit dem Felsen. Da ersann der listige Odysseus einen Plan. In der Höhle lag die Keule des Kyklopen, so lang und dick wie ein Mastbaum. Davon schlugen sie einen Teil ab, spitzen es zu und härteten es im Feuer. Damit wollten sie den Kyklopen blenden. Als Polyphem heimkehrte, verschlang er wieder zwei Gefährten des Odysseus. Dieser trat mutig zu dem Kyklopen und bot ihm von dem süßen Wein an. Gierig trank er davon und wurde sogar ein wenig freundlicher. "Schenk mir noch ein", sprach der Kyklop zu ihm, "und nenne mir deinen Namen, damit auch ich dich bewirten kann." So schenkte ihm Odysseus fleißig nach und sprach zu ihm "Niemand ist mein Name, denn Niemand nennen mich alle, meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen." Zum Dank versprach der Kyklop, ihn erst zuletzt zu verspeisen.

Betrunken legte der Kyklop sich zum Schlafen niederlegte. Da holten sie den Pfahl aus seinem Versteck und steckten die Spitze in die glühende Asche bis sie Feuer fing.

Mit aller Kraft stießen sie ihn in das Auge des Kyklopen. Über die ganze Insel hallte das klägliche Schreien des Polyphem. Die anderen Kyklopen eilten sofort herbei und fragten, was ihm widerfahren sei. Polyphem antwortete: "Niemand würgt mich mit Arglist!" Da lachten sie nur und gingen wieder.          

Am nächsten Tag ließ Polyphem seine Schafe aus der Höhle heraus. Vorsichtig tastete er ihre Rücken ab, um sicher zu gehen, dass die Fremden nicht auf ihnen fliehen würden. Diese hatten sich jedoch unter den Bäuchen der Schafe an das dichte Fell geklammert. So täuschten sie Polyphem und entkamen aus seiner Höhle. Als sich die Schiffe von der Insel entfernten, da höhnte Odysseus und sprach zu Polyphem: "Höre, Kyklop! Wenn dich je ein Mensch fragen sollte, wer dich geblendet hat, so sage ihm, Odysseus, Sohn des Laertes, der Vernichter Trojas, war es!" Voll Zorn schleuderte der Kyklop einen Felsbrocken nach dem Schiff, der es verfehlte. Unbehelligt segelte Odysseus mit seinen Männern fort.    

Doch Polyphem sprach zu seinem Vater Poseidon, dem Gott des Meeres, und bat ihn, Odysseus die Heimkehr zu verwehren. Und Poseidon erhörte seinen Sohn und so begannen die Irrfahrten des Odysseus. Spät erst, ohne seine Gefährten, unglücklich und auf einem fremden Schiff sollte er nach Hause finden und dort nur Elend vorfinden.